Beinlängendifferenz beheben ist Zeitverschwendung (wissenschaftlich begründet)

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Wurde dir gesagt, dass deine Beine unterschiedlich lang sind? Eventuell wurde ja sogar behauptet, dass du deine Beinlängendifferenz beheben musst, weil das die Ursache für deine Schmerzen ist? Doch was sagt die Wissenschaft dazu – ist da wirklich etwas dran? Genau das besprechen wir in diesem Artikel.

Folgende Punkte schauen wir uns an:

  1. Wie wird eine Beinlängendifferenz diagnostiziert?
  2. Gibt es einen Zusammenhang mit Schmerzen?
  3. Muss man eine Beinlängendifferenz beheben?

1. Wie wird eine Beinlängendifferenz diagnostiziert?

Oft wird die Beinlänge im Stehen durch Berührung und Beobachtung beurteilt. Entweder stehst du und der Therapeut bzw. die Therapeutin schaut an, ob deine Beckenkämme auf einer Höhe sind. Oder du liegst auf einer Bank und es wird geschaut, ob ein Bein tiefer auf der Bank liegt, als das andere.

Dass diese Methoden nicht aussagekräftig sind, konnten Gibbons et al. (2002) in ihrer Studie zeigen.

In der Studie wurde mit Einlagen eine Beinlängendifferenz von 0,5 und 1 cm simuliert und getestet, ob Therapeut:innen den Unterschied feststellen konnten. Das Ergebnis davon habe ich ja schon vorweggenommen. Die Ergebnisse waren nicht wirklich besser, als ein Münzwurf.

Ansonsten kann man noch ein Maßband benutzen, das man vom Becken bis zum Knöchel zieht. Das ist in der Praxis auch schnell möglich und lässt sich einigermaßen gut reproduzieren.

Ein paar Probleme dieser Messmethode sind aber:

  • Dass es häufig knöcherne Anomalien gibt (sodass der Knochenvorsprung am Becken rechts tiefer, länger etc. ist als links).
  • Dass die Dicke des Oberschenkelmuskels die Messung beeinflusst.
  • Dass man bei kräftigeren Menschen die knöchernen Referenzpunkte schlechter identifizieren kann.
  • Dass es von den Fähigkeiten der prüfenden Person abhängig ist.

Eine weitere Methode ist die Verwendung von Blöcken, die unter die Ferse des vermeintlich kürzeren Beines platziert werden. Dann schaut man sich an, ob die Beckenkämme in einer Linie sind. Aber auch hier haben wir das Problem mit knöchernen Anomalien. Außerdem haben die aller, aller wenigsten Praxen so viele Blöcke in verschiedenen Millimeter Abstufungen parat. In der Regel wird sich dafür auch nicht die Zeit genommen, weshalb es wieder auf den Standard Berührungs-Beobachtungstest im Stehen hinausläuft.

Wenn man also wirklich wissen will, ob man eine Beinlängendifferenz hat, sollte man ein bildgebendes Verfahren, wie ein Röntgen- oder MRT-Bild machen. Ansonsten würde ich die Aussagen der Therapeut:innen sehr in Frage stellen.

Angenommen, man hätte jetzt eine Beinlängendifferenz bei dir festgestellt. Dann fragst du dich vielleicht:

2. Gibt es einen Zusammenhang mit Schmerzen?

Dafür ist es wichtig zu wissen, dass Beinlängendifferenzen extreeeem häufig sind, was Knutson 2005 in seiner Arbeit zeigen konnte. Rate mal, wie oft gleichlange Beine überhaupt vorkommen?

Nur etwa 10 % der Bevölkerung hat gleichlange Beine! Die anderen 90 % haben eine Beinlängendifferenz von etwa 0,5 – 1cm. Und nur etwa 1/1000 Personen hat eine Beinlängendifferenz von ≥ 2cm.

In den meisten Studien wurde überprüft, ob eine Beinlängendifferenz mit Rückenschmerzen zusammenhängen. Sheha et al. haben 2018 über 47 Studien herangezogen und sind zu folgendem Entschluss gekommen. Ich zitiere:

“Wir kommen zu dem Schluss, dass der Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen und einer Beinlängendifferenz höchstens schwach ist. Wahrscheinlich spielt ein bestimmtes Ausmaß an Beinlängendifferenz eine Rolle bei Rückenschmerzen, wobei zurzeit noch unklar ist, wie groß die Beinlängendifferenz sein muss, um Symptome zu verursachen”.

Sheha et al. 2018

Lederman hat im Jahr 2011 auch eine sehr schöne wissenschaftliche Arbeit geschrieben, in der er mit vielen der strukturellen, biomechanischen, und haltungsorientierten Denkweisen aufräumt, die bis heute noch andauern. Er zeigt in seiner Studie ganz viele Dinge, von denen man früher dachte, dass sie mit Rückenschmerzen zusammenhängen. Zum Beispiel:

  • Beinlängendifferenz
  • Bandscheibenabnutzung
  • Hohlkreuz
  • Schwache Rückenmuskeln
  • Rundrücken
  • Schulterhochstand
  • etc.

Mittlerweile wissen wir es jedoch besser. Und zwar wissen wir, dass der menschliche Körper enooorm anpassungsfähig ist und mit knöchernen Abweichungen oder Abnutzungserscheinungen in der Regel sehr gut umgehen kann (Lederman 2011).

Es wäre natürlich genauso falsch zu sagen, dass eine Beinlängendifferenz NIE mit Schmerzen zusammenhängen kann. Wir sollten uns also nochmal anschauen, unter welchen Umständen es sinnvoll ist, eine Beinlängendifferenz zu beheben.

3. Muss man eine Beinlängendifferenz beheben?

In vielen Studien wird davon gesprochen, dass eine Beinlängendifferenz von ≥ 2 cm nötig ist, um klinisch von Bedeutung zu sein – also einen relevanten Einfluss auf Schmerzen und Funktion haben kann (Knutson 2005). Wie in Punkt 2 schon angesprochen, ist das aber ja extrem selten. Also die Wahrscheinlichkeit, dass du etwas an deiner Beinlängendifferenz ändern musst, liegt bei 0,01 %.

Außerdem muss man sagen, dass dieser Wert von 2 cm natürlich keine harte Grenze ist. Es ist von mehreren Faktoren abhängig. Zum Beispiel:

  • Alter
  • Schlaf
  • Aktivitätslevel
  • Wie lange du die Beinlängendifferenz schon hast.

Insbesondere auf den letzten Punkt möchte ich nochmal näher eingehen. Wie Lederman 2011 in seiner Studie beschrieben hat, ist der Mensch unglaublich anpassungsfähig. Insbesondere dann, wenn Dinge relativ langsam passieren oder schon immer bestanden haben.

Bandscheibenvorfälle, die sich langsam entwickeln, eine Skoliose, oder eben auch eine Beinlängendifferenz von Geburt, machen in einem Großteil der Fälle gar kein Problem. Eben weil der Körper ausreichend Zeit hatte, sich daran zu gewöhnen und anzupassen.

Anders sieht es aus, wenn die Beinlängendifferenz mehr oder weniger plötzlich auftritt (z. B. nach einem Bruch im Oberschenkel oder einer neuen Hüfte) und mit Schmerzen und bzw. oder Funktionsverlust einhergeht. Dann kann es schon der primäre Treiber der Schmerzen sein, und man kann auf jeden Fall in Betracht ziehen, das anzugehen (z. B. durch eine Erhöhung im Schuh).

Helfen Einlagen bei einer Beinlängendifferenz?

Es gibt größere Untersuchungen, wie die von Campbell et al. (2018), welche sich das Thema Einlagen genauer angeschaut haben. Sie haben einige Studien gefunden, welche sich FÜR Einlagen ausgesprochen haben. Gleichzeitig haben sie aber geschrieben, dass die Aussagekraft dieser Studien sehr gering ist, weil es keine Vergleichsgruppen gab. Es kann also auch an anderen Dingen gelegen haben, dass die Leute weniger Schmerzen oder eine bessere Funktion hatten.

Also die Studienlage zum Thema Einlagen ist alles andere als eindeutig. Dadurch, dass Einlagen aber wenig kosten und ein geringes Risiko mit sich bringen, kann es sich lohnen sie auszuprobieren (insbesondere, wenn die Beinlängendifferenz erst kürzlich aufgetreten ist).

Wie sieht es aus mit einer funktionellen Beinlängendifferenz?

Vielleicht wurde dir aber erzählt, dass es sich bei dir nicht um eine “anatomische”, sondern um eine “funktionelle” Beinlängendifferenz handelt. Das bedeutet: die Beine sind anatomisch eigentlich gleichlang, aber etwas anderes im System stimmt nicht ganz.

Dann werden Gründe vorgeschoben wie, dass deine Muskeln auf einer Seite verkürzt wären, du einen Beckenschiefstand hast oder irgendein anderer Unfug.

Da wäre ich auf jeden Fall SEEEEHR vorsichtig, weil diese Hintergründe nicht wissenschaftlich haltbar sind und auf veralteten Denkweisen beruhen. Auch hier erinnere ich wieder an die Studie von Lederman, aber da gibt’s noch viele weitere.

Kurzum: Höchstwahrscheinlich wurde deine Beinlängendifferenz schlecht diagnostiziert und liegt in einem Bereich der klinisch unbedeutsam ist.

Literatur

Campbell, T. M., Ghaedi, B. B., Tanjong Ghogomu, E., & Welch, V. (2018). Shoe Lifts for Leg Length Discrepancy in Adults With Common Painful Musculoskeletal Conditions: A Systematic Review of the Literature. Archives of physical medicine and rehabilitation99(5), 981–993.e2. https://doi.org/10.1016/j.apmr.2017.10.027 

Gibbons, P., Dumper, C., & Gosling, C. (2002). Inter-examiner and intra-examiner agreement for assessing simulated leg length inequality using palpation and observation during a standing assessment. Journal of Osteopathic Medicine5(2), 53-58.

Knutson G. A. (2005). Anatomic and functional leg-length inequality: a review and recommendation for clinical decision-making. Part I, anatomic leg-length inequality: prevalence, magnitude, effects and clinical significance. Chiropractic & osteopathy13, 11. https://doi.org/10.1186/1746-1340-13-11

Lederman E. (2011). The fall of the postural-structural-biomechanical model in manual and physical therapies: exemplified by lower back pain. Journal of bodywork and movement therapies15(2), 131–138. https://doi.org/10.1016/j.jbmt.2011.01.011

Sheha, E. D., Steinhaus, M. E., Kim, H. J., Cunningham, M. E., Fragomen, A. T., & Rozbruch, S. R. (2018). Leg-Length Discrepancy, Functional Scoliosis, and Low Back Pain. JBJS reviews6(8), e6. https://doi.org/10.2106/JBJS.RVW.17.00148

Gino Lazzaro

Gino hat einen Master Abschluss in Sportphysiotherapie. Er arbeitet über seine Firma Perform Perfect intensiv mit Sportler:innen zusammen, die ihre Schmerzen nicht loswerden. Außerdem bildet er in seinem Classroom motivierte Therapeut:innen und Trainer:innen aus.