Gluteale Amnesie – Sind deine Gesäßmuskeln schwach oder inaktiv?

Wurde dir gesagt, dass du Schmerzen hast, weil deine Gesäßmuskulatur nicht richtig angesteuert wird? Vielleicht ist dir auch der Begriff Gluteale Amnesie gefallen. Ob da wirklich was dran ist, das erfährst du in diesem Artikel.

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Was ist eine Gluteale Amnesie?

Die Gluteale Amnesie, oft auch als Dead Butt Syndrome bezeichnet, ist ein Begriff für einen Zustand, bei dem die Gesäßmuskulatur schwächer wird oder ihre Funktion nicht richtig ausübt. Gluteal steht also für Gesäßmuskulatur und Amnesie steht für so etwas wie vergessen. In unserem Fall also dafür, dass man vergisst die Muskulatur zu aktivieren.

Gluteale Amnesie - Anatomie der Gesäßmuskulatur
Anatomie der Gesäßmuskulatur.

Gluteale Amnesie – was wird aktuell darüber erzählt?

Ganz wichtig, damit möchte ich jetzt nicht irgendwelche Leute schlecht reden. Ich will deswegen auch gar keinen Namen nennen, sondern einfach, dass du weißt, welche Informationen aktuell verbreitet werden und ob sie gerechtfertigt sind.

Vieles Sitzen als Ursache Glutealer Amnesie?

Im Folgenden beschreibe ich kurz die aktuell verbreitete Theorie für die Entstehung einer Glutealen Amnesie.

Vieles Sitzen soll anscheinend zu einer Kompression der Nerven führen. Diese Kompression soll dann die Nerven schädigen. Das soll dann angeblich dazu führen, dass die Leute die Gesäßmuskulatur durch das Gehirn nicht mehr richtig ansteuern können und die Gesäßmuskulatur bei Übungen auch nicht richtig spüren. Dies wiederum führt dann anscheinend dazu, dass die Beinrückseite und die Rückenmuskulatur kompensieren müssen, weil die Gesäßmuskulatur nicht richtig arbeitet. Infolgedessen entstehen Schmerzen und Verletzungen, aufgrund unausgeglichener Belastung.

Zusätzlich werden entweder ganz spezielle Übungen vorgestellt und Programme verkauft, die dieses Problem beheben sollen.

Oder es werden Übungen gezeigt, die sowieso schon jeder macht und so einfach sind, dass sie die Gesäßmuskulatur nicht wirklich trainieren. Also Übungen wie vom Stuhl aufstehen und wieder hinsetzen.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Zunächst einmal die Frage, ob viel Sitzen überhaupt zu Rückenschmerzen führt. Wenn nämlich selbst das nicht der Fall ist, müssen wir gar nicht erst nachschauen, was die nähere Ursache dahinter ist.

Zu dem Thema gibt es das Paper von Swain et al. (2019), die keinen Zusammenhang zwischen Sitzen, Bücken etc. und Rückenschmerzen feststellen konnten. Wir müssen also nicht mal näher schauen, ob beim Sitzen irgendwelche Nerven komprimiert werden und wir deshalb Rückenschmerzen bekommen.

Außerdem ein ganz wichtiger Punkt: Jeder von uns quetscht jeden Tag irgendwelche Nerven und das auch über eine längere Dauer.

Wenn ich z. B. meinen Unterarm ablege, wenn ich stundenlang am Schreibtisch arbeite, dann quetsche ich dadurch die Nerven in meinem Unterarm. Das führt aber noch lange nicht dazu, dass ich irgendwelche Gefühls- oder Funktionsverluste in den Händen bekomme, oder dass ich die Hände nicht mehr richtig ansteuern kann.

Ich gebe dir noch ein weiteres Beispiel: Wenn du auf der Seite schläfst, dann quetschst du auch Nerven im Arm und in der Schulter. Trotzdem stehst du morgens auf und kannst deine Schulter ganz normal ansteuern.

Versteh mich nicht falsch, wenn du sehr viel sitzt in deinem Alltag und sonst auch ziemlich inaktiv bist, dann ist deine Gesäßmuskulatur wahrscheinlich schwächer und kleiner als bei aktiveren Leuten. Aber daraus müssen wir doch kein Krankheitsbild machen. Genauso wenig, wie es ein Krankheitsbild ist, wenn jemand einen kleineren Bizeps hat.

Es gibt keine aussagekräftigen Studien, die einen Zusammenhang zwischen schwacher Gesäßmuskulatur und Rücken-, Hüft- oder Knieschmerzen nachweisen konnten. Es gibt nur Studien, die Momentaufnahmen von Leuten z. B. mit Rückenschmerzen gemacht haben und dort festgestellt haben, dass Leute mit Rückenschmerzen eine schwächere Gesäßmuskulatur haben.

In dem Fall ist es aber wahrscheinlich eher so, dass die Schmerzen zuvor schon da waren und durch die Inaktivität die Muskulatur abgebaut hat und schwächer geworden ist. Es kann auch sein, dass die Leute Schmerzen hatten und der Krafttest dadurch beeinflusst war.

Eine weitere Frage, die wir uns stellen sollten:

Wenn eine schlechte Ansteuerung oder eine Schwäche der Gesäßmuskulatur die Ursache z. B. für Rückenschmerzen ist, dann müsste es ja eigentlich auch so sein, dass die Rückenschmerzen erst dann deutlich besser werden oder weggehen, wenn die Gesäßmuskulatur wieder stärker ist, oder?

Dem ist jedoch nicht so, was die Studie von Giannola et al. aus dem Jahr 2021 zeigt. In der Studie wurde nämlich herausgefunden, dass sehr viele Dinge wie manuelle Therapie, Edukation, Übungen etc. effektiv Rückenschmerzen lindern können.

Außerdem ganz wichtig, wenn deine Gesäßmuskulatur wirklich abgeschaltet wäre, könntest du nicht mal von einem Stuhl aufstehen, einen Ausfallschritt machen oder ähnliches.

Und bezüglich des Punkts, dass man die Gesäßmuskulatur bei einer Übung nicht mehr spürt: Das Gefühl einer Übung sagt sehr wenig darüber aus, wie effektiv eine Übung ist.

Hierzu gibt es das Paper von Plotkin et al. aus dem Jahr 2023, die den Hipthrust mit der Kniebeuge verglichen haben. Alle Teilnehmer:innen haben gesagt, dass sie den Hipthrust mehr im Gesäß gemerkt haben als die Kniebeuge. Auch die EMG-Aktivität der Gesäßmuskulatur war beim Hipthrust höher als bei der Kniebeuge. Dennoch wurden Kraft und Muskulatur durch beide Übungen gleichermaßen besser.

Was wir auf jeden Fall wissen ist, dass Angst und Katastrophisierung zu Schmerzen führen, diese verschlimmern und die Reha negativ beeinflussen können. Die Gluteale Amnesie ist genau so ein ausgedachtes Krankheitsbild, welches komplett unbegründet ist und den Leuten Angst machen kann.

Das zeigt z. B. die Studie von Rajasekaran et al. aus dem Jahr 2020, die geschaut haben, welchen Effekt es hat, wenn man Menschen die Ergebnisse von einem Routine-MRT-Bild erklärt. Dabei konnten sie feststellen, dass die Leute, welche das MRT-Bild erklärt bekommen haben, eine schlechtere Schmerzverbesserung und Funktion hatten als die Kontrollgruppe. Die Bilder zeigten natürlich Auffälligkeiten, diese sind aber ganz normal, was das Paper von Brinjikji et al. aus dem Jahr 2015 zeigt.

Meine perönliche Empfehlung:

Lass uns kein großes Ding daraus machen, ob jemand viel sitzt oder schwächere oder kleinere Gesäßmuskeln hat, solange wir noch keine eindeutigen Belege dafür haben, dass das problematisch ist. Ansonsten schüren wir einfach nur unnötig Angst, was negative Konsequenzen haben kann.

Natürlich sollten wir die Gesäßmuskulatur trainieren, wie es auch die Leute in den Gluteale-Amnesie-Videos empfehlen. Es zeigt sich nämlich auch in Studien, dass Übungen für die Gesäßmuskulatur bei Rücken-, Knie- oder Hüftschmerzen hilfreich sein können. Dennoch sollten wir keine Pathologie daraus machen und die Leute verängstigen, indem wir ihnen sagen, ihre Gesäßmuskulatur wäre nicht aktiv oder sonst was.

Eine schwache Gesäßmuskulatur wird oft auch mitverantwortlich für die Entstehung eines Hohlkreuzes gemacht. Warum diese Vorstellung ein Irrglaube ist, erfährst du in diesem Artikel.


Literatur

  • Brinjikji, W., Diehn, F. E., Jarvik, J. G., Carr, C. M., Kallmes, D. F., Murad, M. H., & Luetmer, P. H. (2015). MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls: A Systematic Review and Meta-Analysis. AJNR. American journal of neuroradiology36(12), 2394–2399. https://doi.org/10.3174/ajnr.A4498
  • Gianola, S., Bargeri, S., Del Castillo, G., Corbetta, D., Turolla, A., Andreano, A., Moja, L., & Castellini, G. (2022). Effectiveness of treatments for acute and subacute mechanical non-specific low back pain: a systematic review with network meta-analysis. British journal of sports medicine56(1), 41–50. https://doi.org/10.1136/bjsports-2020-103596
  • Plotkin, D. L., Rodas, M. A., Vigotsky, A. D., McIntosh, M. C., Breeze, E., Ubrik, R., Robitzsch, C., Agyin-Birikorang, A., Mattingly, M. L., Michel, J. M., Kontos, N. J., Frugé, A. D., Wilburn, C. M., Weimar, W. H., Bashir, A., Beyers, R. J., Henselmans, M., Contreras, B. M., & Roberts, M. D. (2023). Hip thrust and back squat training elicit similar gluteus muscle hypertrophy and transfer similarly to the deadlift. bioRxiv : the preprint server for biology, 2023.06.21.545949. https://doi.org/10.1101/2023.06.21.545949
  • Rajasekaran, S., Dilip Chand Raja, S., Pushpa, B. T., Ananda, K. B., Ajoy Prasad, S., & Rishi, M. K. (2021). The catastrophization effects of an MRI report on the patient and surgeon and the benefits of ‘clinical reporting’: results from an RCT and blinded trials. European spine journal : official publication of the European Spine Society, the European Spinal Deformity Society, and the European Section of the Cervical Spine Research Society30(7), 2069–2081. https://doi.org/10.1007/s00586-021-06809-0
  • Swain, C. T. V., Pan, F., Owen, P. J., Schmidt, H., & Belavy, D. L. (2020). No consensus on causality of spine postures or physical exposure and low back pain: A systematic review of systematic reviews. Journal of biomechanics102, 109312. https://doi.org/10.1016/j.jbiomech.2019.08.006

Gino Lazzaro

Gino hat einen Master Abschluss in Sportphysiotherapie. Er arbeitet über seine Firma Perform Perfect intensiv mit Sportler:innen zusammen, die ihre Schmerzen nicht loswerden. Außerdem bildet er in seinem Classroom motivierte Therapeut:innen und Trainer:innen aus.