Triggerpunkte lösen? 7 Dinge, die du über Triggerpunkttherapie wissen musst!

Kann man Triggerpunkte lösen und wenn ja, wie? Jeder kennt sie – diese schmerzhaften, nervigen Stellen zum Beispiel im Nackenbereich, direkt unter dem Schädel oder in der Gesäßmuskulatur. In diesem Blog-Artikel klären wir eine Menge Fragen rund ums Thema Triggerpunkte.

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Was sind Triggerpunkte?

Triggerpunkte sind quasi wie sensible Stellen in deinen Muskeln, die sich anfühlen können, als wäre da ein Knoten drin. Fast jeder kriegt die mal, ähnlich wie Pickel, und manchmal tun diese einfach sehr weh.

Triggerpunkte werden auch umgangssprachlich als Muskel-“Knoten” bezeichnet. Es gibt keine echten Knoten darin, aber es kann sich so anfühlen.

Paul Ingraham

Wie entstehen Triggerpunkte?

Die beliebteste Erklärung ist die sogenannte „Integrierte Hypothese“, die 2004 von Gerwin et al. vorgestellt wurde.

Die Hypothese ist, dass Überbelastung, Unterbelastung, Schmerzen oder Verletzungen dazu führen, dass innerhalb bestimmter Muskelbereiche eine schlechte Durchblutungssituation entsteht. Durch die mangelnde Durchblutung übersäuert dieser Bereich, was unangenehm ist und diese gewisse Sensibilität begründen soll. Außerdem führt das dazu, dass dieser kleine Teil des Muskels sich zusammenzieht. Das kann man sich wie so eine Art Mikrokrampf vorstellen.

Dieser Krampf setzt dann einen Teufelskreis in Gange, weil durch die Anspannung die Versorgung des Muskelbereichs wiederum schlechter wird, wodurch er weiter übersäuert etc.

Dieses Problem wird oft als „Energiekrise“ bezeichnet. Das klingt alles ganz nett, aber es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Beleg dafür.

Es gibt aber auch ein paar andere Hypothesen, und zwar, dass es sich um eine rein sensorische Störung handelt, also eine Fehlinterpretation des Gehirns. Eine weitere Hypothese ist, dass ein gereizter Nerv den Schmerz auslöst.

Unabhängig von der Hypothese konnten Triggerpunkte bisher weder durch Muskelbiopsien (also Entnahme von Muskelgewebe), noch durch Analyse der Biochemie des Gewebes, noch durch Messung der Muskelaktivität und noch durch bildgebende Verfahren wie MRTs klar nachgewiesen werden.

Wir wissen also, dass es diese schmerzhaften Punkte gibt, die oft sogar ausstrahlende Schmerzen verursachen oder andere Krankheitsbilder imitieren können (wie Ischiasschmerzen), aber wir wissen noch nicht, wie man sie zuverlässig nachweisen kann.

Kann man einen Triggerpunkt überhaupt zuverlässig finden?

Die Methode der Wahl, um einen Triggerpunkt zu finden, ist die Berührung. Ein Therapeut oder eine Therapeutin tastet dabei deinen Muskel nach Verhärtungen oder Verspannungen ab – sucht nach einem Punkt, der besonders sensibel ist und drückt da drauf. Wenn das deine Symptome auslöst, hat man den Triggerpunkt ertastet. Das sind die typischen Kriterien bei der Feststellung eines Triggerpunkts (Tough et al. 2007).

Jetzt ist die große Frage – wenn 5 verschiedene Therapeuten nach deinen Triggerpunkten suchen, finden sie dann dieselben Stellen?

Wahrscheinlich nicht. Das zeigt die Arbeit von Rathbone et al. aus dem Jahr 2017.

Müssen Triggerpunkte genau lokalisiert werden?

Nur weil es schwer ist, einen bestimmten Triggerpunkt sicher zu lokalisieren, ist es nicht unmöglich, im Allgemeinen mit ihnen zu arbeiten. Man muss nämlich nicht genau wissen, wo ein Triggerpunkt ist, um ihn mit Massage, Wärmekissen, Schaumstoffrollen, Dehnungen etc. zu treffen.

Und das Schöne ist, dass man das intuitiv auch so macht. Du kennst das, wenn man massiert wird und eine Stelle sich besonders fest oder unangenehm anfühlt. Dann hat man die Tendenz dazu zu sagen – “kannst du da etwas länger oder stärker massieren?”

Aber auch wenn man sich beispielsweise mit einer “Faszienrolle” ausrollt, verweilt man gerne an den unangenehmeren Stellen und fühlt sich danach auch in der Regel besser.

Sind Triggerpunkte immer fest?

Dazu haben Andersen et al. im Jahre 2010 eine Studie durchgeführt. Sie wollten herausfinden, ob die Nackenmuskulatur an empfindlichen Stellen fester ist als an unempfindlichen Stellen.

Sie haben festgestellt, dass dieser Zusammenhang nicht besteht – also dass die empfindlichen Stellen nicht fester waren. Sie haben sogar herausgefunden, dass es bei vielen Leuten zwei ganz sensible Stellen gab und diese Stellen waren die WEICHSTEN Stellen des Nackens!

Wie funktioniert Triggerpunkttherapie?

Dadurch, dass es noch unklar ist, wie ein Triggerpunkt WIRKLICH entsteht, werden natürlich auch verschiedene Wirkmechanismen von Triggerpunkttherapie beschrieben.

Falls die bekannteste Hypothese stimmt (die mit den kleinen Krämpfen im Muskel), dann sollte dieser Teufelskreis, der in einem kleineren Triggerpunkt stattfindet, nicht besonders schwer zu unterbrechen sein.

Wenn man sich zum Beispiel Muskel und Faszien regelmäßig ausrollt, dann kann man dem Problem nämlich gut entgegenwirken und es gar nicht er so weit kommen lassen, dass der Muskel an dieser einen Stelle extrem übersäuert und sich zusammenzieht.

Paul Ingraham hatte dafür eine super Analogie und zwar: dass man sich dieses “Ausspülen” von Stoffwechselnebenprodukten so vorstellen kann, wie wenn man einen Pickel ausdrückt.

Ansonsten gibt’s ja noch die Vermutung, dass es sich bei Triggerpunkten um ein Problem handelt, dass mit der Sensorik also der Wahrnehmung und Interpretation von Informationen zu tun hat.

Für den Fall, dass Triggerpunkte ein rein sensorisches Phänomen sind und es keine Schäden oder ähnliches im Gewebe gibt, dann könnte Triggerpunkttherapie relativ leicht eine “Neuinterpretation” anregen.

Wenn man sich durch die Behandlung anschließend besser fühlt, kann das Gehirn neu lernen, dass dort eigentlich nichts Bedrohliches ist und kein Schmerz ausgelöst werden muss.

Und zuletzt gab’s ja noch die Hypothese, dass Nerven betroffen sind – das ist die Vermutung von Quinter et al. aus dem Jahr 2015.

Wenn Triggerpunkte durch leichte Nerveneinklemmungen verursacht werden, dann kann es hilfreich sein, den Nerv durch leichten Druck etwas hin und her zu verschieben.

Aber ganz egal welcher Wirkmechanismus es ist – vielleicht ist es auch gar keiner von den Genannten oder eine Kombination aus ihnen. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, all diese Dinge abzudecken. Wie durch Bewegung, Selbstmassage etc.

Das ist auch schon die perfekte Überleitung zum letzten Punkt.

Wirksam Triggerpunkte lösen durch Selbstbehandlung?

Dr. Janet Travell – eine der Begründerinnen der Triggerpunkte, hat selbst geschrieben, dass fast jede körperliche Intervention einen Triggerpunkt lindern kann. Zu den gängigsten Methoden zählen:

  • Dry Needling (bei der Akkupunkturnadeln in die Triggerpunkte gesteckt werden).
  • Injektionen von Schmerzmitteln oder Botox
  • Ultraschalltherapie
  • Kälte- bzw. Wärmetherapie
  • Lasertherapie
  • Elektrotherapie
  • Magnetfeldtherapie
  • Manuelle Therapie
  • Selbstmassage z. B. mit einer Faszienrolle

Es gab auch schon ein paar Studien, welche diese Therapiemethoden untersucht haben. Stoop und ihre Kollegen bzw. Kolleginnen haben die Qualität aller Studien zwischen 1978 und 2015 untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sie mittelmäßig bis schlecht ist.

Aber auch unabhängig davon, gab es hier keinen klaren Gewinner, der auffällig gute Ergebnisse geliefert hat. In manchen Studien war Elektrotherapie und Lasertherapie gut. In anderen Studien war Dry Needling ganz gut. Die Ergebnisse dürfen wir aber nicht so ernst nehmen, weil die Qualität der Studien ja sehr schlecht war.

Ich bin nicht so der Fan davon, wenn Patienten von Therapeuten abhängig werden. Das ist bei fast all den genannten Therapiemethoden der Fall – außer bei Kälte- bzw. Wärmetherapie und Selbstmassage.

Ich finde, dass die einfachste, günstigste Methode ist, mit einer Faszienrolle zu arbeiten und bestimmte Körperregionen damit auszurollen. Teste gerne einfach verschiedene Intensitäten aus und wenn du Punkte findest, die unangenehm sind, dann bleib dort gerne eine Weile, bis du das Gefühl hast, dass sich das Gewebe etwas lockert.

Triggerpunkte lösen - "Faszienbehandlung"
Ausrollen der Gesäßmuskulatur mit einem Faszienball.

Ob sich dadurch jetzt die Triggerpunkt lösen lassen, kann man natürlich nicht sagen, weil wir ja nicht mal wissen, wie man sie nachweisen kann. Aber du selbst kannst beurteilen, ob es dir danach besser geht – und das ist das Wichtigste! Wenn sich diesbezüglich in der Forschung noch was tut, dann werde ich dir davon berichten.

Ganz wichtig!

Wenn man fest genug drückt, tut es überall weh – deswegen übertreib es nicht. UND die Punkte sollten sich in der Muskulatur befinden, nicht auf Knochen etc.

Denk dran, nicht alles, was sich wie ein Knubbel anfühlt, ist ein Triggerpunkt. Es kann sein, dass es sich um einen Knochenvorsprung unterhalb eines Muskels handelt und du den Muskel oder die umliegenden Nerven beschädigst, wenn du da keine Rücksicht drauf nimmst und volles Rohr reindrückst.

Also hör da bitte auf deinen Körper und unterscheide, was sich “angenehm” schmerzhaft anfühlt und was nicht.

Ich hab ja vorhin die bildgebenden Verfahren wie ein MRT erwähnt. Die 5 häufigsten Mythen zu MRT, Röntgen und co. erfährst du in diesem Blog-Artikel.


Literatur

  • Andersen, H., Ge, H. Y., Arendt-Nielsen, L., Danneskiold-Samsøe, B., & Graven-Nielsen, T. (2010). Increased trapezius pain sensitivity is not associated with increased tissue hardness. The journal of pain11(5), 491–499. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2009.09.017
  • Gerwin, R. D., Dommerholt, J., & Shah, J. P. (2004). An expansion of Simons’ integrated hypothesis of trigger point formation. Current pain and headache reports8(6), 468–475. https://doi.org/10.1007/s11916-004-0069-x
  • Quintner, J. L., Bove, G. M., & Cohen, M. L. (2015). A critical evaluation of the trigger point phenomenon. Rheumatology (Oxford, England)54(3), 392–399. https://doi.org/10.1093/rheumatology/keu471
  • Rathbone, A. T. L., Grosman-Rimon, L., & Kumbhare, D. A. (2017). Interrater Agreement of Manual Palpation for Identification of Myofascial Trigger Points: A Systematic Review and Meta-Analysis. The Clinical journal of pain33(8), 715–729. https://doi.org/10.1097/AJP.0000000000000459
  • Stoop, R., Clijsen, R., Leoni, D., Soldini, E., Castellini, G., Redaelli, V., & Barbero, M. (2017). Evolution of the methodological quality of controlled clinical trials for myofascial trigger point treatments for the period 1978-2015: A systematic review. Musculoskeletal science & practice30, 1–9. https://doi.org/10.1016/j.msksp.2017.04.009
  • Tough, E. A., White, A. R., Richards, S., & Campbell, J. (2007). Variability of criteria used to diagnose myofascial trigger point pain syndrome–evidence from a review of the literature. The Clinical journal of pain23(3), 278–286. https://doi.org/10.1097/AJP.0b013e31802fda7c

Gino Lazzaro

Gino hat einen Master Abschluss in Sportphysiotherapie. Er arbeitet über seine Firma Perform Perfect intensiv mit Sportler:innen zusammen, die ihre Schmerzen nicht loswerden. Außerdem bildet er in seinem Classroom motivierte Therapeut:innen und Trainer:innen aus.