Was passiert bei einem Hexenschuss WIRKLICH?

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Kennst du das? Du bückst dich einfach nach vorne und plötzlich macht es zack in deinem Rücken und nichts geht mehr? In diesem Artikel erkläre ich dir, was bei einem Hexenschuss wirklich in deinem Körper passiert. Um genauer zu sein, schauen wir uns fünf Punkte an:

  1. Was ist ein Hexenschuss überhaupt?
  2. Was ist die wahrscheinliche Ursache für einen Hexenschuss?
  3. Wie differenziert man einen Hexenschuss?
  4. Was kann man gegen die Schmerzen tun?
  5. Wie kann man einen Hexenschuss vorbeugen?

1. Was ist ein Hexenschuss überhaupt?

Letztendlich ist ein Hexenschuss einfach ein plötzlich eintretender Rückenschmerz, der in der Regel schmerzbedingt zu einer starken Einschränkung der Beweglichkeit führt.

Den Begriff Hexenschuss wirst du so in der Literatur nicht finden und er steht so auch auf deinem Rezept nicht drauf. In der Regel spricht man hier einfach vom sogenannten Lumbago. Das Wort Lumbago steht einfach nur dafür, dass du Schmerzen im unteren Rücken hast. Ganz wichtig, es sagt nichts darüber, was die Ursache für die Schmerzen ist.

2. Was ist die wahrscheinliche Ursache für einen Hexenschuss?

Dazu gibt es bis dato keine eindeutige Antwort, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es an der Bandscheibe liegt. Wenn sich diese nämlich abnutzen, werden die äußeren Ringe der Bandscheibe besser von Nerven versorgt. Dies ist ein ganz normaler Prozess des Alterns, welcher auch nicht unbedingt mit Schmerzen zusammenhängt (Brinjikji et al. 2014).

Eine “gesunde” oder “normale” Bandscheibe ist nicht so gut von Nerven versorgt, weshalb in der Regel keine bedrohlichen Signale von Rezeptoren, die direkt in der Bandscheibe sitzen, zum Gehirn geschickt werden. Durch diesen Alterungsprozess der Bandscheibe, kann es aber eben dazu führen, dass bedrohliche Signale von der Bandscheibe zum Gehirn geschickt werden.

Hier gibt es verschiedene Arten von Rissen. Du kannst dir einfach merken, dass diese kleinen Risse dafür sorgen, dass das Innere der Bandscheibe sich leichter auf den Weg nach außen machen kann. Je nachdem, wie weit sich das Innere der Bandscheibe auf den Weg nach außen macht, spricht man entweder von einer Bandscheibenvorwölbung, einem Bandscheibenvorfall, oder von einer Bandscheibenextrusion (Nomenklatur nach Fardon et al. 2014). Diese verschiedenen Kategorien der Bandscheibenveränderung musst du dir natürlich nicht merken.

Was für dich relevant ist:

Die Bandscheibe ist wahrscheinlich der Auslöser. Entweder durch Risse der Bandscheibe, wodurch bedrohliche Signale zum Gehirn geschickt werden, oder durch Bandscheibenmaterial, welches auf das Rückenmark oder auf den Nerv drückt.

3. Wie differenziert man einen Hexenschuss?

Hier habe ich dir gerade schon ein paar Hinweise gegeben. Es kommt eben darauf an, ob nur die Bandscheibe selbst betroffen ist oder, ob auf einen Nerven oder aufs Rückenmark gedrückt wird.

Am einfachsten kannst du hier unterscheiden zwischen Schmerzen nur im Rücken oder Schmerzen bis ins Bein. Wenn die Schmerzen bis ins Bein ziehen und sogar im Bein stärker sind als im Rücken, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr hoch, dass die Nervenwurzel betroffen ist, also das Bandscheibengewebe auf einen Nerv drückt. Wenn dem nicht so ist, dann ist wahrscheinlich einfach nur die Bandscheibe selbst betroffen.

Falls es bei dir “nur die Bandscheibe” ist, dann hast du wahrscheinlich durch irgendeine Bewegung die Bandscheibe mechanisch irritiert. Das muss auch nicht mit viel Belastung einhergehen. Es kann auch sein, dass Gewebe den Nerv ganz leicht berührt hat und das Nervensystem einfach komplett ausrastet. Diesen Ausraster des Nervensystems merkst du leider dadurch, dass du sehr starke Schmerzen hast und die Muskelspannung sich wahnsinnig erhöht. Warum? Weil dein Nervensystem dich schützen will, damit du nicht nochmal den Nerven bzw. die Bandscheibe irritierst.

4. Was kann man gegen die Schmerzen tun?

In der Regel solltest du in der Akutphase alle schmerzhaften Bewegungen möglichst vermeiden. Dadurch, dass die Schmerzen so hoch sind, machst du das in der Phase aber in der Regel ohnehin schon. Jetzt müssen wir noch unterscheiden. Ist die Nervenwurzel betroffen, sprich der Schmerz zieht bis ins Bein und ist im Bein wahrscheinlich sogar schlimmer als im Rücken, oder zieht der Schmerz nicht bis ins Bein?

Wenn der Schmerz nicht bis ins Bein zieht, dann ist das Beste, was du machen kannst, möglichst viel schmerzadaptiert in Bewegung zu bleiben. Dadurch hältst du deine Bewegungsbox möglichst groß und lässt dich nicht so sehr durch den Schmerz einschränken.

Probiere einfach aus, was du alles machen kannst, um möglichst gut deinen Sport, Alltag und Job weiter ausführen zu können. Somit lässt du dir vom Schmerz auch nicht die Überhand nehmen. Wenn dir das nämlich gelingt, möglichst weiterhin am Leben teilzuhaben, an den Dingen, die dir emotional von Bedeutung sind, dann ist das Risiko, dass der Schmerz chronisch wird, deutlich geringer bei dir!

Bevor ich dir nun ein paar Übungen vorschlage, lass dir bitte gesagt sein, dass es keine besten Übungen gegen einen Hexenschuss gibt. Aufgrund des gereizten Zustands des Nervensystems ist es zunächst wichtig, dass wir den Ischiasnerv, welcher deine Beinrückseite versorgt, nicht so sehr auf Länge bringen. Das könnte nämlich zu noch mehr Irritation führen.

Welche Übungen sind bei einem Hexenschuss sinnvoll?

In der Akutphase kannst du erstmal ganz einfach mit Übungen, wie Beckenkippungen anfangen. Diese kannst du entweder im Stehen oder im Vierfüßlerstand durchführen. Durch das Kippen des Beckens nach vorne und hinten, seitliches Verschieben oder langsame Kreisbewegungen bekommst du automatisch eine schöne Mobilisierung deiner Wirbelsäule.

Wenn das schon ein bisschen besser geht, kannst du mit Rumpfübungen anfangen, also Übungen wie Dead Bugs, Bird Dogs oder verschiedene Plank-Variationen.

In der dritten Phase darfst du wieder mehr Last auf die Wirbelsäule bringen. Dazu empfehle ich dir z. B. Hip Thrusts, Deadlifts oder Kniebeugen. Solltest du die Übungen nicht kennen, dann schau einfach in das YouTube-Video rein (siehe oben).

An dieser Stelle will ich nochmal betonen, dass gerade die dritte Phase extrem wichtig ist. Ganz viele Menschen, die schon mal einen Hexenschuss oder starke Rückenschmerzen z. B. durch einen Bandscheibenvorfall hatten, haben große Angst davor, den Rücken wieder ordentlich zu belasten. Wenn du den Rücken aber wieder belastest, und zwar in schönen kleinen Schritten, so wie ich es gerade beschrieben habe, dann kannst du wieder Selbstvertrauen in deinen Rücken aufbauen und musst dich nicht mehr so sehr durch deine Schmerzen einschränken lassen.

Ansonsten ganz wichtig, das waren jetzt nur Übungen speziell für diesen schmerzhaften Bereich. Du kannst natürlich auch andere Übungen machen und das auch schon viel früher. Die Übungen solltest du vielleicht ein bisschen isolierter gestalten, aber versuche dadurch weiterhin im Training zu bleiben. Sobald du einigermaßen schmerzfrei bist, kannst du auch wieder an Maschinen trainieren. Hier kannst du z. B. Übungen für den Oberkörper, oder isoliert für die Waden machen. Ansonsten kannst du auch an deiner Beweglichkeit arbeiten. Du siehst, es gibt viele Übungen, die du auch außerhalb des schmerzhaften Bereichs weiter durchführen kannst.

Was ist jetzt aber, wenn du zur zweiten Kategorie gehörst und die Schmerzen bis ins Bein ziehen? So schwer es mir fällt es zu sagen, aber hier geht aus der Literatur nicht hervor, dass der schlauste Ansatz wäre, sich möglichst früh schmerzadaptiert zu bewegen. In dem Fall scheint es tatsächlich besser zu sein, wenn du dem Nerv einfach mal ein bis zwei Wochen Ruhe gönnst. Wenn der Nerv sich dann aber wieder beruhigt hat, kannst du einfach so wie gerade eben besprochen diese drei Phasen durchgehen.

5. Wie kann man einen Hexenschuss vorbeugen?

Dafür habe ich drei ganz einfache Tipps für dich:

  1. In Bewegung bleiben
  2. Krafttraining machen
  3. repetitiven Stress möglichst vermeiden

Mit repetitivem Stress meine ich jetzt nicht zwei oder drei Wiederholungen einer bestimmten Bewegung. Falls du aber einen Job hast, wo du dich 2000 Mal am Tag auf genau die gleiche Art und Weise bücken musst, würde ich mir mal Gedanken machen, ob sich das irgendwie anpassen lässt.

Literatur

Brinjikji, W., Luetmer, P. H., Comstock, B., Bresnahan, B. W., Chen, L. E., Deyo, R. A., Halabi, S., Turner, J. A., Avins, A. L., James, K., Wald, J. T., Kallmes, D. F., & Jarvik, J. G. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR. American journal of neuroradiology36(4), 811–816. https://doi.org/10.3174/ajnr.A4173

Fardon, D. F., Williams, A. L., Dohring, E. J., Murtagh, F. R., Gabriel Rothman, S. L., & Sze, G. K. (2014). Lumbar disc nomenclature: version 2.0: Recommendations of the combined task forces of the North American Spine Society, the American Society of Spine Radiology and the American Society of Neuroradiology. The spine journal : official journal of the North American Spine Society, 14(11), 2525–2545. https://doi.org/10.1016/j.spinee.2014.04.022

Gino Lazzaro

Gino hat einen Master Abschluss in Sportphysiotherapie. Er arbeitet über seine Firma Perform Perfect intensiv mit Sportler:innen zusammen, die ihre Schmerzen nicht loswerden. Außerdem bildet er in seinem Classroom motivierte Therapeut:innen und Trainer:innen aus.